Leser und Sammler

Unsere Körper sind euer Schlachtfeld. Frauen, Krieg und Gewalt. Christina Lamb (2020)

All I’m askin’ is for a little respect

Das Buch hört mit dem Herzen zu: es berichtet unfassbar stark von den Stimmen der Opfer größter menschlicher Grausamkeit und Brutalität.

Vor etwa zwei Jahren habe ich angefangen dieses Buch über die Vergewaltigung von Frauen als Kriegsmethode zu lesen. Es ist mit Abstand das schwerste und heftigste Buch, das ich jemals gelesen habe. Ich würde niemandem empfehlen das Buch unter Zeitdruck zu lesen. Ich habe nie mehr als ein Kapitel am Stück geschafft. Es kam ein paar mal vor, dass ich nach einem Kapitel geweint habe oder unter Schock stand. Trotzdem ist dieses Buch extrem wichtig, denn es lässt zu, dass die Opfer sexueller Gewalt in Kriegsgebieten ihre Geschichte erzählen.

In dem Buch wird deutlich, dass in Kriegen die Vergewaltigung von Frauen und Kindern ein politisch bewilligte Kriegsstrategie ist, den Gegner zu schwächen, indem das Volk strategisch traumatisiert und terrorisiert wird. Deshalb sollte die Anordnung, Förderung und Duldung von Vergewaltigung im Krieg zusammen mit chemischen Waffen und Minen auch im Krieg weltweit verboten oder bei Verstoß als Kriegsverbrechen strafrechtlich verfolgt werden.

Das Schlimmste, was Menschen einem anderen Menschen antun, ist ihn zu entmenschlichen. Wenn der Körper eines Menschen als Schlachtfeld eines Krieges verschiedener Parteien genutzt wird, erfährt dieser Körper furchtbare Kriegsverbrechen. Aber ein Körper ist mehr als ein Ort, auf dem gekämpft wird, er gehört zu einem Menschen, der versucht diesen furchtbaren Ereignisse zu verarbeiten. Wahrscheinlich leidet er darunter sein Leben lang. Kant hob das moralische Prinzip hervor, dass kein Mensch einen anderen als Ding betrachtet und seine Arbeit als Werkzeug benutzt ohne den Menschen dahinter zu würdigen und zu respektieren. Daher ist es in einem Rechtsstaat das universale Ziel, dass die Würde eines jeden Menschen unantastbar sei. Dies ist der wohl wichtigste gerichtliche Kampf, der für uns alle zählt. Mensch bleibt Mensch. Auch im Krieg und nach dem Krieg müssen Täter*innen für Verstöße gegen die Menschlichkeit zur Rechenschaft gezogen werden. Somit wäre es möglich den Opfern weltweit Unterstützung zukommen zu lassen.

Die Interviewpartnerinnen berichteten nicht nur von der sexueller Gewalt, sondern auch davon als vergewaltigte Frau in der jeweiligen patriarchalen Gesellschaft an den Rand gedrängt zu werden. Von ihnen wird in der Politik höfliches Stillschweigen erwartet um die Vergangenheit staatlich und diplomatisch zu kaschieren. Das führt dazu , dass sie so gut wie nie eine Wiedergutmachung erhalten. Die Täter werden in den allermeisten Fällen nicht einmal angeklagt. Die Opfer müssen manchmal mit den früheren Tätern im gleichen Dorf/derselben Stadt leben. Nicht über die Gewalt zu reden, die ihnen angetan wurde, stigmatisiert die Opfer abermals. Das Schweigen, das ihnen von der Gesellschaft aufgelegt wird, verhindert, eine psychotherapeutische Aufarbeitung. Anders als dem Rest der Gesellschaft, wird ihnen die Möglichkeit verwehrt mit den Verbrechen abschließen zu können. So kann es ohne weiteres dazu kommen, dass sich die Gewalt weltweit wiederholt und auch zukünftige Gewalttaten keine Hürden zu befürchten haben.

Die Welt muss eine andere gerechtere Perspektive auf Opfer von Gewalt durchsetzen. Das geht nur durch Aufarbeitung, durch Offenheit und auch durch Gerichte, die bestätigen, dass hierbei aufs Deutlichste Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt wurden und ja auch immer noch werden. Gerichtlich wird seit einigen Jahren schon versucht das Bewusstsein von Vergewaltigung als Kriegsverbrechen zu etablieren. Vereinzelt gab es gerichtlich bereits strafrechtliche Erfolge. Im großen und ganzen wird ein Vergewaltiger oder eine Massenvergewaltigung sehr selten angezeigt und noch seltener gerichtlich verurteilt.

Man könnte hier leicht den Mut verlieren, dass Menschen schlecht sind und Grausamkeiten zur Welt und vor allem zum Krieg dazu gehören. Aber dann wehren sich mutige Menschen dagegen und riskieren weitere Retraumatisierungen um der Welt zu sagen, dass wir alles tun müssen um Menschen zukünftig vor diesem Schmerz und Leid zu schützen. Gewalt darf nicht relativiert werden und es darf dem Opfer keine Schuld gegeben werden, damit es hier nicht zu einer Täter-Opfer-Umkehr kommt, die zum Leid einfach nochmal weiteres Leid hinzufügt.

Hinzusehen und zu begreifen, dass die Geschichten der Opfer keine Fiktion in einer Horrorgeschichte sind, sondern solche Gewalt real auf dieser Erde passiert, ist hart, kaum zu begreifen und schockiert heftig. Und trotzdem ist es ein Fortschritt, dass von diesen Verbrechen erzählt und gewusst wird. Wofür? Für Respekt gegenüber den Opfern und für die Verteidigung unserer Menschenwürde.

Weitere Buchtipps:

  • Zu Gewalt in Kriegs- und Krisengebieten: Von den Kriegen (2016)und Weil es sagbar ist (2015) von Carolin Emcke. In diesen Büchern wird die Gewalt weniger deutlich und ausführlich als bei Christina Lamb beschrieben. Diese Bücher haben aber auch zum Ziel, dass die schlimmste und größte Gewalt, die Menschen erlitten haben, in Worte gefasst werden muss, weil ein Schweigen immer die Täter*innen schützt und die Opfer einsam und isoliert von Hilfe alleine zurücklässt.
  • Zu sexueller Gewalt und den Anfängen der amerikanischen #Metoo-Debatte: Durchbruch. Der Weinstein-Skandal, Trump und die Folgen von Ronan Farrow (2019)
  • noch auf meiner Leseliste: Nadia Murad: Ich bin eure Stimme. Das Mädchen, das dem Islamischen Staat entkam und gegen Gewalt und Versklavung kämpft. (2017)
Leser und Sammler

Brüste und Eier von Mieko Kawakami (2020)

Wird es glücklich sein?

Karriere, Kind, Beziehungen und Gesundheit: ein japanischer Roman zu weiblichen Lebensentwürfen

Die Ich-Erzählerin Natsuko Natsume ist Anfang 30, als sie ihre Schwester Makiko und deren Tochter Midoriko zu sich nach Hause einlädt. Makiko überlegt sich die Brüste operieren zu lassen. Es wird erzählt, dass sich manche Frauen sogar die Brustwarzen bleichen, damit sie möglichst rosa aussehen. Dies ist sowohl eine schmerzhaft als auch eine nicht ganz ungefährliche Prozedur, welcher sich diese Frauen trotz allem aussetzen. Midoriko hingegen fragt sich, ob das Leben ihrer Mutter ohne sie nicht so viel besser gewesen wäre. Hier kommt zum ersten Mal die Frage auf, warum Frauen überhaupt Kinder bekommen und sie großziehen.

Hin zum zweiten Teil sind etwa 8 Jahre vergangen. Mittlerweile überlegt Natsuko selbst ein Kind zu bekommen. Ihre Schwierigkeit dabei ist, dass sie weder eine feste Beziehung zu einem Mann, noch Sex haben möchte. Sie recherchiert und findet im Internet verschiedene Möglichkeiten zu einer Samenspende zu gelangen. Aber wird mein Kind auch ohne Vater glücklich sein können? Ist es selbstsüchtig ein Kind zu wollen ganz ohne Beziehungspartner*in? Was ist ihr eigentlicher Grund sich für ein Kind zu entscheiden? Und kann sie dann überhaupt noch weiterhin Kunst schaffen und großartige Bücher verfassen?

Das Buch diskutiert diese Fragen sehr aufschlussreich. Für mich war das Glücksargument besonders interessant. Hinter der Frage, ob ein Kind auch ohne Vater glücklich sein kann, steckt auch der Wunsch seinem Kind ein durchweg glückliches Leben zu bieten.

An sich ist es nicht schlecht, dem Kind das Beste zu wünschen, aber nicht alle Kinder werden ein glückliches Leben führen. Wie sehr man sich auch bemüht, liegt es nicht in der Hand einer einzelnen Person eine andere komplett mit Glück auszustatten. Die Eltern meinen es nur gut, wenn sie ihre Kinder von Trauer fernhalten wollen, nichtsdestotrotz muss ein Kind die Möglichkeit bekommen traurig zu sein oder auch wütend oder ängstlich. Es muss den Umgang mit Emotionen und Gefühlen lernen, damit es überhaupt erkennen, wann es glücklich ist.

„Ich wäre am Boden zerstört, wenn meine Tochter missbraucht wird.“ – an sich ist es ehrlich, aber: wenn das Kind Angst vor Gewalt hat, weil sonst es sonst seine Mutter ins Unglück stürzt, dann ist dem Kind angesichts aller Gewalt und Probleme, die es hat, nicht geholfen.

Ich habe das Buch auf Englisch gelesen, ich vermute aber, dass es sich auch auf Deutsch gut lesen lässt. Die meisten Charaktere in dem Buch sind weiblich. Es liest sich so als wäre man inmitten einer Diskussion unter Freund*innen.

Weitere Gedanken zum Kinderkriegen

  • die Entscheidung, ob ich ein Kind bekomme oder nicht, mache ich nicht von meinem Partner/ meiner Partnerin abhängig. Wenn ich ein Kind möchte, dann muss ich die Versorgung auch unabhängig von meiner partnerschaftlichen Beziehung stemmen können.
  • Durch meine Krankheit weiß ich, dass ich alleine nicht dauerhaft die Kraft dazu habe Kinder zu versorgen. Deshalb werde ich Hilfe von sozialen Organisationen und Freund*innen und Familie brauchen um mich zu unterstützen. Wichtiger Punkt: es ist nie verkehrt sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht, sondern es ist sehr verantwortungsbewusst.
  • Mein Kinderwunsch beruht darauf, jemanden zu versorgen, jemandem Schutz und Halt zu geben, es aufwachsen zu sehen und eine Familie zu bilden.
  • Ich habe gemerkt, dass für diese Wünsche das Kinderkriegen nicht unbedingt nötig ist. Es gibt für ich in verschiedenen Jobs, Ehrenämtern und freundschaftlichen Beziehungen auch die Möglichkeit für andere Menschen unterstützend da zu sein und sich die Familie selbst auszusuchen.
  • Die Frage, ob man Pränataler Diagnostik zustimmen würde oder nicht, hat mir sehr geholfen, mir bewusst zu werden, was Kinderkriegen überhaupt bedeutet. Eltern wünschen sich keine Behinderung für ihr Kind und auch kein Kind, dass nicht sehr lange zu Leben hat. Trotzdem kann es sein, dass genau dies passiert. Sind die Eltern dann an dem Kind interessiert, wenn man systematisch Embryonen mit Behinderung aussortiert? Geht es hier eher um ihren eigenen Wunsch eines Kinderideals, dem das Kind schon vor der Geburt entsprechen muss?

Unsere Gesellschaftsstrukturen machen es absolut nicht einfach ein Kind mit Behinderung großzuziehen. Dabei wäre Deutschland durchaus in der Lage ein Schul- und Gesundheitssystem zu kreieren, dass für alle da ist und unsere Gesundheit achtet und respektiert. Die Leistungsgesellschaft ist mittlerweile nicht nur für Menschen mit Behinderung sondern für alle Menschen stark belastend. Sie treibt uns häufig dazu über unsere körperlichen und seelischen Grenzen hinauszugehen. Viele Menschen erkranken im Laufe ihres Lebens an diesem zunehmenden Druck und Stress. Bei einigen bleibt dies dann chronisch. Deswegen halte ich es für den falschen Ansatz Embryonen auszusortieren, anstatt den allgemeinen Leistungs- und Perfektionsdruck zu verstärken.

Leser und Sammler

„Segu“ von Maryse Condé (1984)

Triggerwarnung: Sklaverei, Rassismus, Depressionen, Suizid, Vergewaltigung, Gewalt gegen Kinder

Dieses Buch erzählt zum Anfang des 19. Jahrhunderts über mehrere Generationen hinweg die Familiensaga einer adeligen Familie aus Segu, die Hauptstadt eines afrikanischen Reiches aus dem 17. bis ins 19. Jahrhundert im heutigen Mali. Durch die unterschiedlichen Biographien einzelner Familienangehöriger erhält man einen guten Einblick in die Kulturen und den Glauben westafrikanischer Gruppierungen, welche durch den Islam und andererseits durch christliche Missionierungen zu jener Zeit einen besonders heftigem Umbruch erfahren haben. Dabei werden die Geschichten der Söhne und Brüder genauer verfolgt als die der Frauen und Mütter. Die Fülle an Erzählstoff wurde bewusst oberflächlich gehalten, da das Schicksal eines einzigen Charakters schon dazu gereicht hätte einen eigenen Roman zu füllen.

Besonderen Wert in den Machenschaften der Herrschenden in Segu und Umgebung wird am wenigsten auf das Militär und am meisten auf die kulturellen und religiösen Veränderungen im Volk gelegt. Sklaverei, Kolonialismus und der zunehmende Einfluss der Europäer in ihre Gebiete spielt dabei eine wesentliche aber nicht die einzige Rolle in der Politik der Herrscherklasse.

Es liest sich ein bisschen so, wie sich die Rollenspielgeschichte einer Familiendynastie in Crusader Kings III spielt. Der Fokus liegt so gut wie immer auf den männlichen Haupterben, auf deren Werdegang, den Hochzeiten und Geburten sowie den daraus resultierenden politischen Machenschaften. Allerdings hatte ich das deutliche Gefühl, dass kein einziger Charakter, weder männlich noch weiblich sich langfristig zufrieden und glücklich gefühlt hätte. Im Gegenteil schienen sie mir alle enttäuscht zu sein vom wirklichen Leben. Sie fühlten sich ihres hohen Standes gemäß nicht genug anerkannt, zu gering gewertschätzt und erlitten deshalb häufig schwere Depressionen. Viele Charaktere, männliche wie weibliche haben Suizidgedanken und einige begehen Selbstmord.

Da die Hauptcharaktere adelig sind haben sie im Laufe der Geschichte häufig den großen Druck der Verantwortung für ihre Familie und für die Stadt Segu. so gut wie keiner erreicht es letzten Endes den Erwartungen der Familie gerecht geworden zu sein. Es wird von allen Charakteren nach Liebe gesucht, aber außer der einen Mutterliebe blieb ihnen keine Liebe auf Dauer erhalten. Die romantischen Beziehungen verursachten meistens den Charakteren große Probleme und die Ehen sind für fast alle Beteiligten in ihrem Leben eine große Enttäuschung.

Die Geschlechterrollen von Frauen in diesem Roman als Mütter, Ehefrauen, Konkubinen und Prostituierten ist aus heutiger Sicht sehr patriarchal und reduzieren die Frauen zu Nebencharakteren. Hier ist es wichtig zwischen der Darstellung der Frau in den 1980er Jahren, in denen das Buch entstanden ist und dem damaligen diskriminierenden und rassistischen Kontext des Romans Anfang des 19. Jahrhunderts in Westafrika, Südamerika und Großbritannien zu unterscheiden.

Dass auch Anfang des 19. Jahrhunderts ein gewaltvolles Verhalten gegenüber Frauen und Mädchen moralische und rechtliche Grenzen hatte, erkennt man an der Szene, in der ein 11 jähriges Mädchen von zwei Männern vergewaltigt wurde. Somit sollte nach damaligem Recht nun dieses Mädchen einen der Vergewaltiger heiraten um die Schande zu begleichen, die ihr und ihrer Familie dadurch angetan wurde. Ein Blick in ihre Gedanken lässt erschreckender weise erkennen, dass sich das Mädchen dazu bereit erklärte, sie aber als so junges Kind noch keine Ahnung hatte, welches Leid sie dadurch in ihrem Leben noch erfahren wird. Nachdem der Hauptcharakter aus dieser Situation das Mädchen heiraten zu müssen entkommen ist, erfährt man nichts mehr von ihrem Schicksal.

Alles in allem ist „Segu“ ein epochaler historischer Roman, der die damaligen politischen und kulturellen Verhältnisse erzählerisch gut ausarbeitet. Trotz des beabsichtigten Realitätsbezugs hätte ich sowohl den weiblichen als auch den männlichen Charakteren durchaus auch gerne zugestanden, ein bisschen mehr Beziehungs- und Familienglück zu erfahren und etwas weniger Schwermut und Liebesentzug zu erleiden. So bleibt die Stimmung und die Lebensperspektive der Figuren bis zum Ende unglücklich und von Kummer belastet.

Das Ende des Romans kommt ohne Hinleitung oder abschließende Worte, da hier kein Handlungsstrang beendet worden ist. Die beiden offenen Handlungsstränge werden einfach so gelassen, da die Familie groß und so weit verstrickt ist, dass aus ihren Geschichten offensichtlich kein komplettes Ende entstehen kann. So folgt auf die letzten Worte des Romans schließlich eine interessante Auflistung realer Personen, Gruppierungen, Orte und Ereignisse, die als Vorlage zur Inspiration für dieses Buch gedient hatten.

Kleine Buchtipps:

  1. Wer sich für die Geschichte Westafrikas interessiert, den könnte auch das Sachbuch: „Das goldene Rhinozeros. Afrika im Mittelalter“ von Francois – Xavier Fauvelle interessieren. Es beschreibt die archäologische Forschung bis in die Zeiten des Mittelalters auf dem afrikanischen Kontinent.
  2. Eine Art Manifest zum kulturellen Wandel in Afrika ist das Werk von Felwine Sarr: „Afrotopia„. Hier wird auf die Entwicklung moderner afrikanischer Kultur aufmerksam gemacht. Abermals wird sich nach den kolonialen aufgezwungenen Kulturen auf einen neuen, eigenen kulturellen Pfad begeben.
  3. Weiterhin auf meiner Leseliste ist der Roman: „Drei starke Frauen“ von Marie NDiaye von 2009. Hier soll es um afrikanische, weibliche Migrationserfahrungen gehen.

Leser und Sammler

Prügel. Eine ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt. von Antje Joel (2020)

Heute. Morgen. Übermorgen.

Opfer von Gewalt werden mit folgendem Dilemma konfrontiert: entweder bist du nicht schuld, dann hattest du in dieser Situation aber auch keine Macht und empfindest ein Gefühl der Machtlosigkeit, oder du nimmst die Schuld einer Situation auf dich, denn dann warst du auch selbst verantwortlich, also auch handlungsfähig und daher mächtig.

Opfer von Gewalt sind weder schwach, noch sind sie durch die Gewalterfahrung stärker geworden. Opfer sein ist nicht die Identität eines Opfers, aber es beeinflusst ihre Beziehung zu sich selbst und zu anderen Menschen, Menschengruppen, oder Institutionen und allgemein der Gesellschaft. Diese Beeinflussung ist negativ, besonders das Vertrauen in unterschiedliche der genannten Beziehungen wird je nach der Art des Agressors und der Gewalterfahrung erschüttert. Ein Gefühl der Isolation, der Abschottung, Einsamkeit und des Alleinseins ist die Folge. Deswegen tut es gut sich zu solidarisieren mit Menschen, die Verständnis zeigen. Viele haben ähnliches erlebt, andere nicht. Nichtsdestotrotz zeigen einige Menschen ein Interesse am Schicksal anderer, da so ein gemeinsames Leben für alle besser ist.

„Dann gehe doch einfach, wenn er dir nicht gut tut.“

„Warum lässt du so etwas mit dir machen? Hast du denn kein Selbstwertgefühl?!“

So oder so ähnliche Sätze fallen, wenn ich Freundinnen und meiner Familie von meiner Ex-Beziehung erzählt habe. Es war gut gemeint, sie wollten mir helfen, indem sie mir vermitteln: du bist kein Opfer, du kannst dich wehren und dich selbst behaupten und bist gar nicht so schwach. Das war gut gemeint, aber stimmte nicht. Ich wurde zum Opfer in dieser toxischen Beziehung. Das heißt nicht, dass ich etwas falsch gemacht habe. Es heißt nur, dass ich nicht einfach selbstbestimmt und frei gehen kann wie es am besten für mich wäre. Daraus folgt, dass ich nicht schuld daran bin, in einer toxischen Beziehung zu leben. Der Täter und Beziehungspartner ist der Schuldige. ich gebe nicht gerne zu zu einem Opfer geworden zu sein. Es fällt leichter mir vorzumachen ich hätte genug Macht das eigene Leben selbst zu bestimmen.

Die Journalistin und Autorin Antje Joel schreibt in ihrem Buch „Prügel. EIne ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt.“ biographisch von den Gewalterfahrungen in ihrer ersten und ihrer zweiten Ehe. Ihre Geschichte ist leider kein Ausnahmefall. Die zugrundeliegende Statistik, dass jede dritte Frau Opfer von häuslicher Gewalt geworden ist, ist erschreckend und durch das allseitige öffentliche Schweigen schwer nachvollziehbar. Wegschauen sobald es privat wird, kann dabei nicht helfen.

Das Buch enthält ein Kapitel mit Warnhinweisen, die auf ein missbräuchliches Beziehungsverhalten frühzeitig deuten können. Diese Erkennungsmerkmale beruhen auf ihren eigenen Erfahrungen und den Erfahrungen anderer Missbrauchsopfer. Medial interessieren sich immer mehr Menschen für sogenannte Red flags in Beziehungen. Ich finde es gut, sich darüber auszutauschen und besonders jungen Menschen eigene unliebsame Erfahrungen mit auf den Weg zu geben.

Antje Joel räumt außerdem mit den psychotherapeutschen Mythen auf, die Täter hätten ein geringes Selbstwertgefühl, wären psychisch krank oder hätten schlechte Beziehungserfahrungen hinter sich. Vielmehr ist es so, dass sie für das gewalttätige Verhalten gegenüber Frauen in unserer Gesellschaft kaum mit angemessenen Konsequenzen rechnen müssen. Die bittere Wahrheit ist, dass die Gesellschaft die Paarbeziehungen und Ehen zur Privatsache erklären, in die sich von außen niemand einmischen soll.

Damit Täter nicht weiterhin von ihrem Lebensentwurf profitieren, benötigt es Beziehungsaufklärung: Menschen, die beschreiben, was ihnen als Opfer angetan wurde, wie die Täter es immer wieder geschafft haben ihm die Schuld zu geben und sein Umfeld für sich zu gewinnen, es damit gegenüber allen anderen zu isolieren und zu entmächtigen. Die Wahl eines bestimmten Partners kann schlecht für einen sein. Deswegen ist jedoch niemand und schon gar nicht der eigene Partner dazu berechtigt mir seelische und körperliche Gewalt zuzufügen. Nicht nach 5 Minuten und auch nicht nach 25 Jahren.

Blende 8

„Dear future husband“

da Meghan Trainors Wünsche an ihren Beziehungspartner in ihrem Song für mich noch viel zu Wünschen übrig lassen, möchte ich eine eigene Wunschliste meiner Traumbeziehung erstellen:

Charakterliche Welthaltung: respektvoller Umgang gegenüber Menschen, der Gesellschaft, Tieren und der Natur

Selbstständiger Zeitvertreib: in einer Partnerschaft sollten beide Zeit ohne den anderen verbringen können, eigenen Interessen und Hobbys nachgehen. Als Partnerin freue ich mich darüber, dass mein Freund einen guten Freundeskreis hat und mit diesen Leuten auch Zeit verbringt und Spaß hat. Dasselbe kann ich dann auch von meinem Partner mir gegenüber erwarten.

Keiner muss wie ein Entertainer die Beziehung dauerhaft spannend und unterhaltsam gestalten. manchmal ist es auch schön an einem einfachen Ort ohne große Aktion das Zusammensein wertzuschätzen. das Lied „Frankfurt Oder“ von Bosse handelt von so einer gemeinsamen Beziehungszeit.

Es ist mir wichtig, dass ich mit meinem Partner respektvoll streiten kann. der Streit kann laut sein, wichtig ist mir eher, dass es fair bleibt und wir beide gedanklich überprüfen, ob die andere Person recht haben könnte und der Fehler bei einem selbst lag. Dafür benötigt es eine grundlegende selbstbewusste Kritikfähigkeit: die Fähigkeit eigene Fehler zuzugeben, sich ehrlich beim anderen zu entschuldigen und wenn nötig eine Wiedergutmachtung zu leisten.

Eigenständige Gesundheitsversorgung: Ich habe eine psychische Erkrankung. Das erschwert eine Beziehung, es ist aber noch kein Beziehungsaus. Meine Freunde tun mir gut, trotzdem sind sie nicht meine Ärzt*innen. In bestimmten Phasen der Krankheit bin ich anstrengend und belastend für andere, das lässt sich kaum vermeiden. Der Umgang mit der Krankheit liegt aber immer in meiner Verantwortung. Die Unterstützung meiner Freunde ist hierbei keine Selbstverständlichkeit. Ich sollte sie daher nur im äußersten Notfall um Hilfe bitten. Das heißt vorher alle ärztlichen und therapeutischen Hilfemöglichkeiten zu nutzen, bevor man einen Freund/den Partner belastet.

Sportsgeist: ein/e gute/r Verlier/in sein können; manche Menschen können einen nur dann aufbauen, wenn sie selbst mit ihren eigenen Erfolgen über einem stehen. Ein aufrichtiges Lob und die Freude über etwas, dass der/die Parter*in erreicht hat und indem sie/er besser ist als man selbst, kommt dagegen weniger häufig vor. Das ist schade. Man sollte auch gönnen können.

Absprache bei großen finanziellen Kosten

eine ausgeglichene Arbeitsteilung im Haushalt: Ordnung zu halten, zu putzen und zu kochen

ähnliche langfristige Ziele im Leben: wo wollen wir wohnen? suchen wir eine oder mehrere Beziehungspartner*innen? Familie? Arbeit und Karriere? gemeinsamer Urlaub?

Leser und Sammler

Mensch vs. Deutschland

Die Würde des Menschen ist abschiebbar. Einblicke in Geschichte, Bedingungen und Realitäten deutscher Abschiebehaft: Droste und Nitschke (2021):

Mein Resümee:

Das Buch erklärt gut wie Geflüchtete, bei denen der Verdacht besteht, dass sie sich einer Abschiebung entziehen würden, vom deutschen Staat wie Kriminelle behandelt werden. Abschiebehaft betrifft keine Einzelfälle, sondern folge einem gesellschaftlichen Systemfehler, einem institutionellen Rassismus. Folgendermaßen lautet die Hypothese:

Deutschland arbeite verstärkt an der Desintegration von Asylsuchenden anstatt die dafür verwendeten Ressourcen für eine erfolgreiche Integration einzusetzen.

Die Ursache des Problems sei hierbei ist nicht die Überarbeitung der Behörden, um Menschen noch schneller zum Ausreisen zu zwingen. Problematisch ist, dass zuallererst im vermeintlichen Sinne der Nation und erst an zweiter Stelle im Sinne der Menschenwürde Anweisungen ausgeführt werden. Der deutschen Bevölkerung werden bewusst Informationen zu Geflüchteten in Abschiebegefängnissen vorenthalten. Obwohl die überwiegende Mehrheit der Insassen außer eines illegalen Aufenthaltes in Deutschland keine Straftaten begangen hat, ist in den Medien nur die Rede von straffälligen Ausländern, die in Abschiebehaft zur Sicherheit der Bevölkerung weggesperrt werden müssen. Die Asylsuchenden werden räumlich weitestgehend von der deutschen Bevölkerung isoliert und die Besuchszeiten sehr kurz gehalten, damit ihnen so wenig wie möglich Beratung und Hilfe zugute kommen kann.

Der Abschiebehaftvollzug handelt generalpräventiv. Das bedeutet, dass Insassen schon bei Verdacht eines zukünftigen Fehlverhaltens sanktioniert und bestraft werden können. Folgende Maßnahmen eines solchen Gefängnisses wurden von Lina Droste dokumentiert. Sie schreibt:

„Weder

  • das Isolieren psychisch auffälliger Personen
  • die Be- (bzw. Ent-) kleidung im bgH (steht für: besonders gesicherter Haftraum) mit lediglich einer Unterhose oder nackt,
  • das zwanghafte Entkleiden durch weiblich-gelesenes Personal,
  • die generalpräventive Anwendung von Isolationshaft,
  • das Einsperren im bgH (steht für: besonders gesicherter Haftraum) ohne natürliches Licht,
  • das Fehlen ärztlicher und psychologischer Begleitung,
  • das Abnehmen gerichtlicher Dokumente,
  • der Schlafentzug durch Lebendüberwachung,
  • die Einsicht des Toilettenbereiches durch permanente Beobachtung oder Kameraeinstellungen,
  • die fehlende Anordnung durch eine Behörde, bzw. ein Gericht,
  • die zeitliche Sperrung, bis Rechtsanwält*innen oder Personen des Vertrauens Zugang zum*zur Gefangenen haben,
  • die Inhaftierung und Isolierung Minderjähriger,
  • die Fixierung ohne richterliche Überprüfung,
  • die Isolation als Mittel zur Mitwirkung bei Abschiebungen,
  • die systematische Anwendung von Isolationshaft beim Zugangsverfahren ohne individuelle Begründung,
  • das Fehlen der Eröffnung der Maßnahme,
  • keine oder fehlerhafte Dokumentation der Maßnahmen, noch
  • die persönlichen Machtspiele der Mitarbeiter*innen

sind in irgendeiner Weise verhältnismäßig im Sinne des ultima ratio-Gedankens der oben genannten Mindestgrundsätze der Vereinten Nationen für die Behandlung der Gefangenen und sind in vielen Aspekten als erniedrigend, unmenschlich und z.T. sogar als Folter im Sinne der Antifolterkonvention einzustufen.“ (s. Droste: S.227f)

Das Buch zeigt wie Deutschland seine institutionelle Macht und seinen Rechtsstaat dazu nutzt gerichtliche, bürokratische und letzten Endes auch psychische und körperliche Gewalt gegen Menschen auszuüben, die der Staat zu Menschen zweiter Klasse degradiert.

Deutschland 1st – Menschenwürde 2nd

Im Buch wird der Prozess in der Abschiebehaft mit Franz Kafkas Roman: „Der Prozess“ verglichen. Daraus lässt sich ableiten, dass strukturelle Gewalt wie eine zusätzliche bedrückende Last auf das Opfer wirkt. Alleine ist es unmöglich ihr zu entrinnen. Die Opfer werden müde, deprimiert, hoffnungslos und letzten Endes krank.

Das Buch ist empfehlenswert. Es ist wichtig belegt zu bekommen, dass auch in Deutschland die Menschenwürde verteidigt werden muss, damit es am Ende nicht 1 zu 0 für Deutschland steht.

Allgemein

ist es offen?

Mehrheitsgesellschaften haben Menschen anhand von Merkmalen Gruppenzugehörigkeiten zugeschrieben, zum Beispiel, dass sie eine Behinderung haben, schwarz oder queer seien. Damit hat man Minderheiten als anders definiert, es wurde ihnen systematisch die Möglichkeit gestohlen eine eigene Identität zu entfalten. Ihre Persönlichkeit wurde von außen gewaltsam eingeengt.

Darüber hinaus wurden im großen Stile Kunstwerke durch koloniale Großmächte geraubt. Es handelt sich um derart viele Dinge, dass es deutschen Museen mindestens ein Jahrzehnt kosten wird, bis die Wertsachen zugeordnet und bestenfalls rechtmäßig zurückgebracht werden können.

Weiße und europäisch bekam ich schon als Kind die Möglichkeit zum großräumigen, vielfältigen Träumen. Es lässt mich optimistisch in die Zukunft blicken, egal wie schlecht es mir gerade geht. Dieses Privileg wünsche ich uns allen.

Beim Casting von Schauspieler*innen auf Diversität zu achten, ist deshalb ein Schritt in die richtige Richtung. So können sich alle alle mit einem Arzt identifizieren, oder mitfühlen wenn ein Charakter am eigenen Schicksal verzweifelt oder seinem Leben einen neuen Schwung gibt und neue Hoffnung schöpft. Kinder mit schwarzer Hautfarbe werden bei einer schwarzen Ariel mitangesprochen. Da die Hautfarbe für weiße Kinder keine Bedeutung hat, können sie sich auch mit der Hauptperson identifizieren. Eigene Beispiele aus meiner Kindheit sind Pocahontas und Mulan oder einige Jahre später „Küss den Frosch“. Es ist eine unbeliebte Notwendigkeit im Kino Minderheiten künstlich häufiger zu zeigen. Es beweist uns, dass bestimmte Rollen zwar selten sind, aber nicht unmöglich. Mehr braucht es nicht für einen schönen Traum.

Blende 8

Klang-Farben und Farbtöne

Seit ein paar Wochen sehe ich die Menschen um mich herum mit anderen Augen und höre Musik anders. Es ist eine verspielte Träumerei und soll einfach nur Spaß machen, nichts davon sind felsenfeste Fakten. Also los geht’s mit ein bisschen Synästhesie:

  • regenbogenfarben, 0
  • gelb, Montag, Vögel, Klavier, 1
  • blau, Dienstag, Katzen, Blasinstrumente, 2
  • rot, Mittwoch, Hunde, Trommeln, 3
  • lila, Donnerstag, Huftiere, Streichinstrumente, 4
  • grün, Freitag, Bären, Mundharmonika, Dudelsack, Akkordeon, 5
  • orange, Samstag, Hasen, Affen, Gitarren, 6
  • weiß; Sonntag, 7
  • schwarz, 8
  • braun, 9
  • grau, 10