Leser und Sammler

Unsere Körper sind euer Schlachtfeld. Frauen, Krieg und Gewalt. Christina Lamb (2020)

All I’m askin’ is for a little respect

Das Buch hört mit dem Herzen zu: es berichtet unfassbar stark von den Stimmen der Opfer größter menschlicher Grausamkeit und Brutalität.

Vor etwa zwei Jahren habe ich angefangen dieses Buch über die Vergewaltigung von Frauen als Kriegsmethode zu lesen. Es ist mit Abstand das schwerste und heftigste Buch, das ich jemals gelesen habe. Ich würde niemandem empfehlen das Buch unter Zeitdruck zu lesen. Ich habe nie mehr als ein Kapitel am Stück geschafft. Es kam ein paar mal vor, dass ich nach einem Kapitel geweint habe oder unter Schock stand. Trotzdem ist dieses Buch extrem wichtig, denn es lässt zu, dass die Opfer sexueller Gewalt in Kriegsgebieten ihre Geschichte erzählen.

In dem Buch wird deutlich, dass in Kriegen die Vergewaltigung von Frauen und Kindern ein politisch bewilligte Kriegsstrategie ist, den Gegner zu schwächen, indem das Volk strategisch traumatisiert und terrorisiert wird. Deshalb sollte die Anordnung, Förderung und Duldung von Vergewaltigung im Krieg zusammen mit chemischen Waffen und Minen auch im Krieg weltweit verboten oder bei Verstoß als Kriegsverbrechen strafrechtlich verfolgt werden.

Das Schlimmste, was Menschen einem anderen Menschen antun, ist ihn zu entmenschlichen. Wenn der Körper eines Menschen als Schlachtfeld eines Krieges verschiedener Parteien genutzt wird, erfährt dieser Körper furchtbare Kriegsverbrechen. Aber ein Körper ist mehr als ein Ort, auf dem gekämpft wird, er gehört zu einem Menschen, der versucht diesen furchtbaren Ereignisse zu verarbeiten. Wahrscheinlich leidet er darunter sein Leben lang. Kant hob das moralische Prinzip hervor, dass kein Mensch einen anderen als Ding betrachtet und seine Arbeit als Werkzeug benutzt ohne den Menschen dahinter zu würdigen und zu respektieren. Daher ist es in einem Rechtsstaat das universale Ziel, dass die Würde eines jeden Menschen unantastbar sei. Dies ist der wohl wichtigste gerichtliche Kampf, der für uns alle zählt. Mensch bleibt Mensch. Auch im Krieg und nach dem Krieg müssen Täter*innen für Verstöße gegen die Menschlichkeit zur Rechenschaft gezogen werden. Somit wäre es möglich den Opfern weltweit Unterstützung zukommen zu lassen.

Die Interviewpartnerinnen berichteten nicht nur von der sexueller Gewalt, sondern auch davon als vergewaltigte Frau in der jeweiligen patriarchalen Gesellschaft an den Rand gedrängt zu werden. Von ihnen wird in der Politik höfliches Stillschweigen erwartet um die Vergangenheit staatlich und diplomatisch zu kaschieren. Das führt dazu , dass sie so gut wie nie eine Wiedergutmachung erhalten. Die Täter werden in den allermeisten Fällen nicht einmal angeklagt. Die Opfer müssen manchmal mit den früheren Tätern im gleichen Dorf/derselben Stadt leben. Nicht über die Gewalt zu reden, die ihnen angetan wurde, stigmatisiert die Opfer abermals. Das Schweigen, das ihnen von der Gesellschaft aufgelegt wird, verhindert, eine psychotherapeutische Aufarbeitung. Anders als dem Rest der Gesellschaft, wird ihnen die Möglichkeit verwehrt mit den Verbrechen abschließen zu können. So kann es ohne weiteres dazu kommen, dass sich die Gewalt weltweit wiederholt und auch zukünftige Gewalttaten keine Hürden zu befürchten haben.

Die Welt muss eine andere gerechtere Perspektive auf Opfer von Gewalt durchsetzen. Das geht nur durch Aufarbeitung, durch Offenheit und auch durch Gerichte, die bestätigen, dass hierbei aufs Deutlichste Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt wurden und ja auch immer noch werden. Gerichtlich wird seit einigen Jahren schon versucht das Bewusstsein von Vergewaltigung als Kriegsverbrechen zu etablieren. Vereinzelt gab es gerichtlich bereits strafrechtliche Erfolge. Im großen und ganzen wird ein Vergewaltiger oder eine Massenvergewaltigung sehr selten angezeigt und noch seltener gerichtlich verurteilt.

Man könnte hier leicht den Mut verlieren, dass Menschen schlecht sind und Grausamkeiten zur Welt und vor allem zum Krieg dazu gehören. Aber dann wehren sich mutige Menschen dagegen und riskieren weitere Retraumatisierungen um der Welt zu sagen, dass wir alles tun müssen um Menschen zukünftig vor diesem Schmerz und Leid zu schützen. Gewalt darf nicht relativiert werden und es darf dem Opfer keine Schuld gegeben werden, damit es hier nicht zu einer Täter-Opfer-Umkehr kommt, die zum Leid einfach nochmal weiteres Leid hinzufügt.

Hinzusehen und zu begreifen, dass die Geschichten der Opfer keine Fiktion in einer Horrorgeschichte sind, sondern solche Gewalt real auf dieser Erde passiert, ist hart, kaum zu begreifen und schockiert heftig. Und trotzdem ist es ein Fortschritt, dass von diesen Verbrechen erzählt und gewusst wird. Wofür? Für Respekt gegenüber den Opfern und für die Verteidigung unserer Menschenwürde.

Weitere Buchtipps:

  • Zu Gewalt in Kriegs- und Krisengebieten: Von den Kriegen (2016)und Weil es sagbar ist (2015) von Carolin Emcke. In diesen Büchern wird die Gewalt weniger deutlich und ausführlich als bei Christina Lamb beschrieben. Diese Bücher haben aber auch zum Ziel, dass die schlimmste und größte Gewalt, die Menschen erlitten haben, in Worte gefasst werden muss, weil ein Schweigen immer die Täter*innen schützt und die Opfer einsam und isoliert von Hilfe alleine zurücklässt.
  • Zu sexueller Gewalt und den Anfängen der amerikanischen #Metoo-Debatte: Durchbruch. Der Weinstein-Skandal, Trump und die Folgen von Ronan Farrow (2019)
  • noch auf meiner Leseliste: Nadia Murad: Ich bin eure Stimme. Das Mädchen, das dem Islamischen Staat entkam und gegen Gewalt und Versklavung kämpft. (2017)