Leser und Sammler

Brüste und Eier von Mieko Kawakami (2020)

Wird es glücklich sein?

Karriere, Kind, Beziehungen und Gesundheit: ein japanischer Roman zu weiblichen Lebensentwürfen

Die Ich-Erzählerin Natsuko Natsume ist Anfang 30, als sie ihre Schwester Makiko und deren Tochter Midoriko zu sich nach Hause einlädt. Makiko überlegt sich die Brüste operieren zu lassen. Es wird erzählt, dass sich manche Frauen sogar die Brustwarzen bleichen, damit sie möglichst rosa aussehen. Dies ist sowohl eine schmerzhaft als auch eine nicht ganz ungefährliche Prozedur, welcher sich diese Frauen trotz allem aussetzen. Midoriko hingegen fragt sich, ob das Leben ihrer Mutter ohne sie nicht so viel besser gewesen wäre. Hier kommt zum ersten Mal die Frage auf, warum Frauen überhaupt Kinder bekommen und sie großziehen.

Hin zum zweiten Teil sind etwa 8 Jahre vergangen. Mittlerweile überlegt Natsuko selbst ein Kind zu bekommen. Ihre Schwierigkeit dabei ist, dass sie weder eine feste Beziehung zu einem Mann, noch Sex haben möchte. Sie recherchiert und findet im Internet verschiedene Möglichkeiten zu einer Samenspende zu gelangen. Aber wird mein Kind auch ohne Vater glücklich sein können? Ist es selbstsüchtig ein Kind zu wollen ganz ohne Beziehungspartner*in? Was ist ihr eigentlicher Grund sich für ein Kind zu entscheiden? Und kann sie dann überhaupt noch weiterhin Kunst schaffen und großartige Bücher verfassen?

Das Buch diskutiert diese Fragen sehr aufschlussreich. Für mich war das Glücksargument besonders interessant. Hinter der Frage, ob ein Kind auch ohne Vater glücklich sein kann, steckt auch der Wunsch seinem Kind ein durchweg glückliches Leben zu bieten.

An sich ist es nicht schlecht, dem Kind das Beste zu wünschen, aber nicht alle Kinder werden ein glückliches Leben führen. Wie sehr man sich auch bemüht, liegt es nicht in der Hand einer einzelnen Person eine andere komplett mit Glück auszustatten. Die Eltern meinen es nur gut, wenn sie ihre Kinder von Trauer fernhalten wollen, nichtsdestotrotz muss ein Kind die Möglichkeit bekommen traurig zu sein oder auch wütend oder ängstlich. Es muss den Umgang mit Emotionen und Gefühlen lernen, damit es überhaupt erkennen, wann es glücklich ist.

„Ich wäre am Boden zerstört, wenn meine Tochter missbraucht wird.“ – an sich ist es ehrlich, aber: wenn das Kind Angst vor Gewalt hat, weil sonst es sonst seine Mutter ins Unglück stürzt, dann ist dem Kind angesichts aller Gewalt und Probleme, die es hat, nicht geholfen.

Ich habe das Buch auf Englisch gelesen, ich vermute aber, dass es sich auch auf Deutsch gut lesen lässt. Die meisten Charaktere in dem Buch sind weiblich. Es liest sich so als wäre man inmitten einer Diskussion unter Freund*innen.

Weitere Gedanken zum Kinderkriegen

  • die Entscheidung, ob ich ein Kind bekomme oder nicht, mache ich nicht von meinem Partner/ meiner Partnerin abhängig. Wenn ich ein Kind möchte, dann muss ich die Versorgung auch unabhängig von meiner partnerschaftlichen Beziehung stemmen können.
  • Durch meine Krankheit weiß ich, dass ich alleine nicht dauerhaft die Kraft dazu habe Kinder zu versorgen. Deshalb werde ich Hilfe von sozialen Organisationen und Freund*innen und Familie brauchen um mich zu unterstützen. Wichtiger Punkt: es ist nie verkehrt sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht, sondern es ist sehr verantwortungsbewusst.
  • Mein Kinderwunsch beruht darauf, jemanden zu versorgen, jemandem Schutz und Halt zu geben, es aufwachsen zu sehen und eine Familie zu bilden.
  • Ich habe gemerkt, dass für diese Wünsche das Kinderkriegen nicht unbedingt nötig ist. Es gibt für ich in verschiedenen Jobs, Ehrenämtern und freundschaftlichen Beziehungen auch die Möglichkeit für andere Menschen unterstützend da zu sein und sich die Familie selbst auszusuchen.
  • Die Frage, ob man Pränataler Diagnostik zustimmen würde oder nicht, hat mir sehr geholfen, mir bewusst zu werden, was Kinderkriegen überhaupt bedeutet. Eltern wünschen sich keine Behinderung für ihr Kind und auch kein Kind, dass nicht sehr lange zu Leben hat. Trotzdem kann es sein, dass genau dies passiert. Sind die Eltern dann an dem Kind interessiert, wenn man systematisch Embryonen mit Behinderung aussortiert? Geht es hier eher um ihren eigenen Wunsch eines Kinderideals, dem das Kind schon vor der Geburt entsprechen muss?

Unsere Gesellschaftsstrukturen machen es absolut nicht einfach ein Kind mit Behinderung großzuziehen. Dabei wäre Deutschland durchaus in der Lage ein Schul- und Gesundheitssystem zu kreieren, dass für alle da ist und unsere Gesundheit achtet und respektiert. Die Leistungsgesellschaft ist mittlerweile nicht nur für Menschen mit Behinderung sondern für alle Menschen stark belastend. Sie treibt uns häufig dazu über unsere körperlichen und seelischen Grenzen hinauszugehen. Viele Menschen erkranken im Laufe ihres Lebens an diesem zunehmenden Druck und Stress. Bei einigen bleibt dies dann chronisch. Deswegen halte ich es für den falschen Ansatz Embryonen auszusortieren, anstatt den allgemeinen Leistungs- und Perfektionsdruck zu verstärken.