Triggerwarnung: Sklaverei, Rassismus, Depressionen, Suizid, Vergewaltigung, Gewalt gegen Kinder
Dieses Buch erzählt zum Anfang des 19. Jahrhunderts über mehrere Generationen hinweg die Familiensaga einer adeligen Familie aus Segu, die Hauptstadt eines afrikanischen Reiches aus dem 17. bis ins 19. Jahrhundert im heutigen Mali. Durch die unterschiedlichen Biographien einzelner Familienangehöriger erhält man einen guten Einblick in die Kulturen und den Glauben westafrikanischer Gruppierungen, welche durch den Islam und andererseits durch christliche Missionierungen zu jener Zeit einen besonders heftigem Umbruch erfahren haben. Dabei werden die Geschichten der Söhne und Brüder genauer verfolgt als die der Frauen und Mütter. Die Fülle an Erzählstoff wurde bewusst oberflächlich gehalten, da das Schicksal eines einzigen Charakters schon dazu gereicht hätte einen eigenen Roman zu füllen.
Besonderen Wert in den Machenschaften der Herrschenden in Segu und Umgebung wird am wenigsten auf das Militär und am meisten auf die kulturellen und religiösen Veränderungen im Volk gelegt. Sklaverei, Kolonialismus und der zunehmende Einfluss der Europäer in ihre Gebiete spielt dabei eine wesentliche aber nicht die einzige Rolle in der Politik der Herrscherklasse.
Es liest sich ein bisschen so, wie sich die Rollenspielgeschichte einer Familiendynastie in Crusader Kings III spielt. Der Fokus liegt so gut wie immer auf den männlichen Haupterben, auf deren Werdegang, den Hochzeiten und Geburten sowie den daraus resultierenden politischen Machenschaften. Allerdings hatte ich das deutliche Gefühl, dass kein einziger Charakter, weder männlich noch weiblich sich langfristig zufrieden und glücklich gefühlt hätte. Im Gegenteil schienen sie mir alle enttäuscht zu sein vom wirklichen Leben. Sie fühlten sich ihres hohen Standes gemäß nicht genug anerkannt, zu gering gewertschätzt und erlitten deshalb häufig schwere Depressionen. Viele Charaktere, männliche wie weibliche haben Suizidgedanken und einige begehen Selbstmord.
Da die Hauptcharaktere adelig sind haben sie im Laufe der Geschichte häufig den großen Druck der Verantwortung für ihre Familie und für die Stadt Segu. so gut wie keiner erreicht es letzten Endes den Erwartungen der Familie gerecht geworden zu sein. Es wird von allen Charakteren nach Liebe gesucht, aber außer der einen Mutterliebe blieb ihnen keine Liebe auf Dauer erhalten. Die romantischen Beziehungen verursachten meistens den Charakteren große Probleme und die Ehen sind für fast alle Beteiligten in ihrem Leben eine große Enttäuschung.
Die Geschlechterrollen von Frauen in diesem Roman als Mütter, Ehefrauen, Konkubinen und Prostituierten ist aus heutiger Sicht sehr patriarchal und reduzieren die Frauen zu Nebencharakteren. Hier ist es wichtig zwischen der Darstellung der Frau in den 1980er Jahren, in denen das Buch entstanden ist und dem damaligen diskriminierenden und rassistischen Kontext des Romans Anfang des 19. Jahrhunderts in Westafrika, Südamerika und Großbritannien zu unterscheiden.
Dass auch Anfang des 19. Jahrhunderts ein gewaltvolles Verhalten gegenüber Frauen und Mädchen moralische und rechtliche Grenzen hatte, erkennt man an der Szene, in der ein 11 jähriges Mädchen von zwei Männern vergewaltigt wurde. Somit sollte nach damaligem Recht nun dieses Mädchen einen der Vergewaltiger heiraten um die Schande zu begleichen, die ihr und ihrer Familie dadurch angetan wurde. Ein Blick in ihre Gedanken lässt erschreckender weise erkennen, dass sich das Mädchen dazu bereit erklärte, sie aber als so junges Kind noch keine Ahnung hatte, welches Leid sie dadurch in ihrem Leben noch erfahren wird. Nachdem der Hauptcharakter aus dieser Situation das Mädchen heiraten zu müssen entkommen ist, erfährt man nichts mehr von ihrem Schicksal.
Alles in allem ist „Segu“ ein epochaler historischer Roman, der die damaligen politischen und kulturellen Verhältnisse erzählerisch gut ausarbeitet. Trotz des beabsichtigten Realitätsbezugs hätte ich sowohl den weiblichen als auch den männlichen Charakteren durchaus auch gerne zugestanden, ein bisschen mehr Beziehungs- und Familienglück zu erfahren und etwas weniger Schwermut und Liebesentzug zu erleiden. So bleibt die Stimmung und die Lebensperspektive der Figuren bis zum Ende unglücklich und von Kummer belastet.
Das Ende des Romans kommt ohne Hinleitung oder abschließende Worte, da hier kein Handlungsstrang beendet worden ist. Die beiden offenen Handlungsstränge werden einfach so gelassen, da die Familie groß und so weit verstrickt ist, dass aus ihren Geschichten offensichtlich kein komplettes Ende entstehen kann. So folgt auf die letzten Worte des Romans schließlich eine interessante Auflistung realer Personen, Gruppierungen, Orte und Ereignisse, die als Vorlage zur Inspiration für dieses Buch gedient hatten.
Kleine Buchtipps:
- Wer sich für die Geschichte Westafrikas interessiert, den könnte auch das Sachbuch: „Das goldene Rhinozeros. Afrika im Mittelalter“ von Francois – Xavier Fauvelle interessieren. Es beschreibt die archäologische Forschung bis in die Zeiten des Mittelalters auf dem afrikanischen Kontinent.
- Eine Art Manifest zum kulturellen Wandel in Afrika ist das Werk von Felwine Sarr: „Afrotopia„. Hier wird auf die Entwicklung moderner afrikanischer Kultur aufmerksam gemacht. Abermals wird sich nach den kolonialen aufgezwungenen Kulturen auf einen neuen, eigenen kulturellen Pfad begeben.
- Weiterhin auf meiner Leseliste ist der Roman: „Drei starke Frauen“ von Marie NDiaye von 2009. Hier soll es um afrikanische, weibliche Migrationserfahrungen gehen.