Allgemein, Leser und Sammler

Reserve

von Prinz Harry

Das Buch gibt eine hervorragende Auskunft über ein paar schöne Erinnerungen aus Harrys Leben, seinem beruflichen Werdegang im Militär und vor allen Dingen auch die Schattenseiten als Berühmtheit, dessen Leben von Geburt an im medialen Interesse benutzt wird.

Die deutlichste Botschaft aus Prinz Harrys selbstverfasster Biographie ist der Umgang der Medien mit den Mitgliedern der britischen Königsfamilie. Der Tod seiner Mutter Lady Diana hinterließ bei ihm ein Trauma, das er erst als Erwachsener in einer Therapie versucht hat aufzuarbeiten. Als die Medien Jagd auf seine Frau Meghan und ihre Familie machten, kam es zu einer Re-/Traumatisierung. Es war für Prinz Harry keine Option mehr, den Rat seiner Familie zu befolgen, einfach abzuwarten bis die Medien sich ein neues Opfer suchten. Es musste endlich öffentlich klargestellt werden, dass sie keine Beute sind die man jagen und abknipsen kann. Außerdem waren die Medien voller dreister Lügen und gewollter Übertreibungen und Fehlinformationen oder sie waren schlichtweg rassistisch.

So berichtet Prinz Harry in Teil 3 Kapitel 19 vom Anfang des Shitstorms gegen seine Frau Meghan:

„In jenen ersten Stunden und Tagen im November 2016 wurde alle paar Minuten ein neuer Tiefpunkt erreicht. Ich war schockiert und schalt mich dafür, dass ich es war. Und dafür, unvorbereitet zu sein. Ich hatte mich für den üblichen Wahnsinn gewappnet, für die gängigen Verleumdungen. Was ich jedoch nicht erwartet hatte, war das Ausmaß an hemmungsloser Verlogenheit.

Vor allem war ich nicht auf den Rassismus vorbereitet. Auf beide Arten, den versteckten, unterschwelligen Rassismus und den unübersehbaren, vulgären, grellen Rassismus.“ (Reserve S.369)

Sobald die Medien über jemanden berichten, glaubt man als Unbeteiligter: 1. ok die Story hier ist sehr privat, aber die Stars bekommen dafür ja auch was: Aufmerksamkeit und Geld. Klar brauchen sie dann rund um die Uhr Bodyguards aber das ist halt der Preis dafür reich und berühmt zu sein. Oder 2. :das klingt ja sehr an den Haaren herbeigezogen, aber dahinter verbirgt sich bestimmt ein wahrer Kern. — Dem ist hinzuzufügen, 1. Nein, kein Geld der Welt rechtfertigt es einen solchen öffentlichen Rufmord zu begehen und sich dadurch selbst zu bereichern und 2. Nein. Das meiste ist gelogen.

Harry und Meghan haben in ihrem Kampf um persönliche Sicherheit und Privatsphäre die britischen Titel abgegenen und das zu den für sie denkbar schlechtesten finanziellen Bedingungen. Sie haben dieses Ausmaß an Medienterror und Verleumdung nicht gewollt, sondern sich so gut es geht dagegen gewehrt.

Leser und Sammler

Ich bin eure Stimme

Das Mädchen, das dem Islamischen Staat entkam und gegen Gewalt und Versklavung kämpft.

von Nadia Murad

Nadia Murad ist Jesidin. Sie lebte in einem kleinen Dorf im Irak, bevor der Islamische Staat ihr und ihrer Familie abgrundtiefes Leid angetan hat.

Wenn man nicht sagen kann, ob ein sofortiger Tod glücklicher wäre als das Überleben, dann geschehen Dinge, die ein Mensch ohne Schaden und Trauma nicht überstehen kann. Es kostet alles an Kraft für die Überlebenden überhaupt noch am Leben zu sein. Nadia Murad führt ein kämpferisches Leben, nicht weil sie will, sondern weil sie muss; da ihr Leben durch die erlittene Gewalt Kämpfen bedeutet. So lebt sie, indem sie sich für andere Menschen einsetzt, als Menschenrechtsaktivistin.

Nadia Murad meinte, sie hätte sich damals so gefühlt als wäre sie in der Gefangenschaft nicht mutig genug gewesen. Allerdings weiß sie auch, dass Opfer von Gewalt sich immer wieder die Vorwürfe machen, sich zu wenig gewehrt zu haben. Deshalb erklärt die Autorin den Lesenden wie schwierig es ist, sich als Opfer von massiver Gewalt keine Selbstvorwürfe zu machen.

Darüber hinaus ist es in der jesidischen Kultur sehr wichtig als unverheiratete Frau noch Jungfrau zu sein. Viele Jesidinnen hatten Angst, dass ihre Familie sie nach dem erlittenen Missbrauch, der ihnen angetan wurde, verstoßen würde.

Auch nach einer Befreiung kommt es manchmal noch dazu, dass manche von ihnen Suizid begehen.

Die eigene Geschichte immer und immer wieder zu erzählen reißt Wunden auch immer und immer wieder auf. Trotzdem hat es sich Nadia Murad zur Aufgabe gemacht, das Sprachrohr der Opfer von Kriegsverbrechen zu sein. Dieses Buch zu schreiben und es zu veröffentlichen, hat wahrscheinlich sehr viel Kraft gekostet. Ihre Stimme steht für die vielen tausenden Opfer des Islamischen Staates und darüber hinaus auch für alle Opfer sexueller Gewalt und die Opfer religiöser Verfolgung.

Ich wünsche mir, dass ihre Botschaft an die internationale Politik erhört wird. In der Hoffnung, dass sich Geschichte nicht wiederholt.

Allgemein, Blende 8

Und was habe ich davon?

Warum es so wichtig ist, die Menschenwürde und die Grundrechte zu verteidigen.

In ein paar vorherigen Beiträgen habe ich darauf hingewiesen, dass es wichtiger ist die Menschenwürde zu verteidigen als Deutschland national zu unterstützen. Das erscheint erstmal logisch, aber es ist gar nicht mal so einfach zu erklären.

Was passiert, wenn wir versuchen einen Gedanken zuzulassen, den wir Linksgrünen auf gar keinen Fall wahrhaben möchten:

Was wäre, wenn es dem deutschen Staat durch die Deportation von einzelnen Bevölkerungsgruppen und mit der Versklavung von Geflüchteten im internationalen Wettbewerb wirtschaftlich tatsächlich besser geht als sich an die Menschenrechte zu halten? Wäre es nicht möglich, dass deutsche Bürger*innen durch die Unterdrückung von Migrant*innen und den Schießbefehl an der Grenze enorm profitieren könnten? Können wir angesichts der Klimakrise nicht viel mehr Deutsche retten, wenn unsere Politik für die Deutschen Politik macht und nicht für die Weltgesellschaft?

Das alles klingt schon sehr grauenvoll, aber vielleicht gibt es ja doch noch Vernunftargumente, wenn schon eine grundsätzliche Empathie in unserem Szenario völlig abhanden gekommen ist. Selbst wenn hier ein weiterer wirtschaftlicher oder Status erhöhender Vorteil entstehen kann, bin ich der festen Überzeugung, dass es der Bevölkerung in diesem Zukunftsszenario an Zufriedenheit fehlen wird.

Warum ist das anzunehmen?

  1. Weil schon jetzt in unserer postkolonialen Welt zwischen der Nord- und Südhalbkugel große konfliktbeladene Machtdifferenzen herrschen. Gesellschaften, in denen es die geringsten sozialen Unterschieden zwischen Reichen und Armen gibt, sind nachgewiesenermaßen die glücklichsten. Wenn wir es also schaffen durch Steuern und faire Preise in der Wirtschaft unseren Wohlstand aneinander anzugleichen, schaffen wir insgesamt bessere Lebensbedingungen.
  2. So wie ein System mit einer Arbeitskraft eines Menschen umgeht, so geht es auch mit den natürlichen Ressourcen ihrer Umwelt um. Heißt also, eine Politik, die Arbeiter*innen als Menschen respektiert, der respektiert auch den Wert der Natur und arbeitet in/mit ihr umweltschonend/schützend. So sichert dieses Miteinander ein Überleben für kommende Generationen.
  3. Um sozialdemokratische Politik zu machen, benötigt es eine politische Orientierung an den Werten der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wie sie in der französischen Revolution auf den Punkt gebracht wurden. Ohne die Absicht einer internationalen Umsetzung, verlieren diese Ziele national an Gewicht vor dem Gesetz bis sie schließlich ganz wertlos verhallen.
  4. Gesetze und eine Politik, die nicht nach bestem moralischen Wissen und Maßstab gemacht worden sind, werden den Rechtsschutz der Bürger*innen schwächen. Wenn sich der Staat als erstes selbst verteidigt und als zweites den Menschen, wird es selbst für die Bürgerinnen und Bürger dieses Staates ungerechter. Denn von da an ist der Staat und nicht der einzelne Bürger die wahre Nummer 1 in diesem Rechtssystem.

Das heißt also: wer die Würde von Menschen zum Zwecke der eigenen Besserung missbraucht, verspricht sich dadurch Vorteile, die aber nicht als gesichert gelten können. Sicher ist aber, dass man selbst an Macht einbüßt, denn auch die eigene Menschenwürde wird durch die eigene Wahl eines solchen Systems nur auf dem zweiten Platz degradiert. Eine Nation braucht keine Bäume, keine Nahrung, Kultur, Bildung oder Wissenschaft. Eine Nation braucht nur Polizei und Militär. Wenn eine Nation den ersten Platz im Rechtssystem bekommt, dann werden wir auch genau das bekommen, was eine mächtige Nation braucht. Und nicht das, was sich die Menschen, die dort leben, wünschen würden. Also Augen auf bei der nächsten Wahl.

Sei die Nummer eins. Wir sind es uns wert.

Leser und Sammler

Unsere Körper sind euer Schlachtfeld. Frauen, Krieg und Gewalt. Christina Lamb (2020)

All I’m askin’ is for a little respect

Das Buch hört mit dem Herzen zu: es berichtet unfassbar stark von den Stimmen der Opfer größter menschlicher Grausamkeit und Brutalität.

Vor etwa zwei Jahren habe ich angefangen dieses Buch über die Vergewaltigung von Frauen als Kriegsmethode zu lesen. Es ist mit Abstand das schwerste und heftigste Buch, das ich jemals gelesen habe. Ich würde niemandem empfehlen das Buch unter Zeitdruck zu lesen. Ich habe nie mehr als ein Kapitel am Stück geschafft. Es kam ein paar mal vor, dass ich nach einem Kapitel geweint habe oder unter Schock stand. Trotzdem ist dieses Buch extrem wichtig, denn es lässt zu, dass die Opfer sexueller Gewalt in Kriegsgebieten ihre Geschichte erzählen.

In dem Buch wird deutlich, dass in Kriegen die Vergewaltigung von Frauen und Kindern ein politisch bewilligte Kriegsstrategie ist, den Gegner zu schwächen, indem das Volk strategisch traumatisiert und terrorisiert wird. Deshalb sollte die Anordnung, Förderung und Duldung von Vergewaltigung im Krieg zusammen mit chemischen Waffen und Minen auch im Krieg weltweit verboten oder bei Verstoß als Kriegsverbrechen strafrechtlich verfolgt werden.

Das Schlimmste, was Menschen einem anderen Menschen antun, ist ihn zu entmenschlichen. Wenn der Körper eines Menschen als Schlachtfeld eines Krieges verschiedener Parteien genutzt wird, erfährt dieser Körper furchtbare Kriegsverbrechen. Aber ein Körper ist mehr als ein Ort, auf dem gekämpft wird, er gehört zu einem Menschen, der versucht diesen furchtbaren Ereignisse zu verarbeiten. Wahrscheinlich leidet er darunter sein Leben lang. Kant hob das moralische Prinzip hervor, dass kein Mensch einen anderen als Ding betrachtet und seine Arbeit als Werkzeug benutzt ohne den Menschen dahinter zu würdigen und zu respektieren. Daher ist es in einem Rechtsstaat das universale Ziel, dass die Würde eines jeden Menschen unantastbar sei. Dies ist der wohl wichtigste gerichtliche Kampf, der für uns alle zählt. Mensch bleibt Mensch. Auch im Krieg und nach dem Krieg müssen Täter*innen für Verstöße gegen die Menschlichkeit zur Rechenschaft gezogen werden. Somit wäre es möglich den Opfern weltweit Unterstützung zukommen zu lassen.

Die Interviewpartnerinnen berichteten nicht nur von der sexueller Gewalt, sondern auch davon als vergewaltigte Frau in der jeweiligen patriarchalen Gesellschaft an den Rand gedrängt zu werden. Von ihnen wird in der Politik höfliches Stillschweigen erwartet um die Vergangenheit staatlich und diplomatisch zu kaschieren. Das führt dazu , dass sie so gut wie nie eine Wiedergutmachung erhalten. Die Täter werden in den allermeisten Fällen nicht einmal angeklagt. Die Opfer müssen manchmal mit den früheren Tätern im gleichen Dorf/derselben Stadt leben. Nicht über die Gewalt zu reden, die ihnen angetan wurde, stigmatisiert die Opfer abermals. Das Schweigen, das ihnen von der Gesellschaft aufgelegt wird, verhindert, eine psychotherapeutische Aufarbeitung. Anders als dem Rest der Gesellschaft, wird ihnen die Möglichkeit verwehrt mit den Verbrechen abschließen zu können. So kann es ohne weiteres dazu kommen, dass sich die Gewalt weltweit wiederholt und auch zukünftige Gewalttaten keine Hürden zu befürchten haben.

Die Welt muss eine andere gerechtere Perspektive auf Opfer von Gewalt durchsetzen. Das geht nur durch Aufarbeitung, durch Offenheit und auch durch Gerichte, die bestätigen, dass hierbei aufs Deutlichste Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt wurden und ja auch immer noch werden. Gerichtlich wird seit einigen Jahren schon versucht das Bewusstsein von Vergewaltigung als Kriegsverbrechen zu etablieren. Vereinzelt gab es gerichtlich bereits strafrechtliche Erfolge. Im großen und ganzen wird ein Vergewaltiger oder eine Massenvergewaltigung sehr selten angezeigt und noch seltener gerichtlich verurteilt.

Man könnte hier leicht den Mut verlieren, dass Menschen schlecht sind und Grausamkeiten zur Welt und vor allem zum Krieg dazu gehören. Aber dann wehren sich mutige Menschen dagegen und riskieren weitere Retraumatisierungen um der Welt zu sagen, dass wir alles tun müssen um Menschen zukünftig vor diesem Schmerz und Leid zu schützen. Gewalt darf nicht relativiert werden und es darf dem Opfer keine Schuld gegeben werden, damit es hier nicht zu einer Täter-Opfer-Umkehr kommt, die zum Leid einfach nochmal weiteres Leid hinzufügt.

Hinzusehen und zu begreifen, dass die Geschichten der Opfer keine Fiktion in einer Horrorgeschichte sind, sondern solche Gewalt real auf dieser Erde passiert, ist hart, kaum zu begreifen und schockiert heftig. Und trotzdem ist es ein Fortschritt, dass von diesen Verbrechen erzählt und gewusst wird. Wofür? Für Respekt gegenüber den Opfern und für die Verteidigung unserer Menschenwürde.

Weitere Buchtipps:

  • Zu Gewalt in Kriegs- und Krisengebieten: Von den Kriegen (2016)und Weil es sagbar ist (2015) von Carolin Emcke. In diesen Büchern wird die Gewalt weniger deutlich und ausführlich als bei Christina Lamb beschrieben. Diese Bücher haben aber auch zum Ziel, dass die schlimmste und größte Gewalt, die Menschen erlitten haben, in Worte gefasst werden muss, weil ein Schweigen immer die Täter*innen schützt und die Opfer einsam und isoliert von Hilfe alleine zurücklässt.
  • Zu sexueller Gewalt und den Anfängen der amerikanischen #Metoo-Debatte: Durchbruch. Der Weinstein-Skandal, Trump und die Folgen von Ronan Farrow (2019)
  • noch auf meiner Leseliste: Nadia Murad: Ich bin eure Stimme. Das Mädchen, das dem Islamischen Staat entkam und gegen Gewalt und Versklavung kämpft. (2017)
Leser und Sammler

Prügel. Eine ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt. von Antje Joel (2020)

Heute. Morgen. Übermorgen.

Opfer von Gewalt werden mit folgendem Dilemma konfrontiert: entweder bist du nicht schuld, dann hattest du in dieser Situation aber auch keine Macht und empfindest ein Gefühl der Machtlosigkeit, oder du nimmst die Schuld einer Situation auf dich, denn dann warst du auch selbst verantwortlich, also auch handlungsfähig und daher mächtig.

Opfer von Gewalt sind weder schwach, noch sind sie durch die Gewalterfahrung stärker geworden. Opfer sein ist nicht die Identität eines Opfers, aber es beeinflusst ihre Beziehung zu sich selbst und zu anderen Menschen, Menschengruppen, oder Institutionen und allgemein der Gesellschaft. Diese Beeinflussung ist negativ, besonders das Vertrauen in unterschiedliche der genannten Beziehungen wird je nach der Art des Agressors und der Gewalterfahrung erschüttert. Ein Gefühl der Isolation, der Abschottung, Einsamkeit und des Alleinseins ist die Folge. Deswegen tut es gut sich zu solidarisieren mit Menschen, die Verständnis zeigen. Viele haben ähnliches erlebt, andere nicht. Nichtsdestotrotz zeigen einige Menschen ein Interesse am Schicksal anderer, da so ein gemeinsames Leben für alle besser ist.

„Dann gehe doch einfach, wenn er dir nicht gut tut.“

„Warum lässt du so etwas mit dir machen? Hast du denn kein Selbstwertgefühl?!“

So oder so ähnliche Sätze fallen, wenn ich Freundinnen und meiner Familie von meiner Ex-Beziehung erzählt habe. Es war gut gemeint, sie wollten mir helfen, indem sie mir vermitteln: du bist kein Opfer, du kannst dich wehren und dich selbst behaupten und bist gar nicht so schwach. Das war gut gemeint, aber stimmte nicht. Ich wurde zum Opfer in dieser toxischen Beziehung. Das heißt nicht, dass ich etwas falsch gemacht habe. Es heißt nur, dass ich nicht einfach selbstbestimmt und frei gehen kann wie es am besten für mich wäre. Daraus folgt, dass ich nicht schuld daran bin, in einer toxischen Beziehung zu leben. Der Täter und Beziehungspartner ist der Schuldige. ich gebe nicht gerne zu zu einem Opfer geworden zu sein. Es fällt leichter mir vorzumachen ich hätte genug Macht das eigene Leben selbst zu bestimmen.

Die Journalistin und Autorin Antje Joel schreibt in ihrem Buch „Prügel. EIne ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt.“ biographisch von den Gewalterfahrungen in ihrer ersten und ihrer zweiten Ehe. Ihre Geschichte ist leider kein Ausnahmefall. Die zugrundeliegende Statistik, dass jede dritte Frau Opfer von häuslicher Gewalt geworden ist, ist erschreckend und durch das allseitige öffentliche Schweigen schwer nachvollziehbar. Wegschauen sobald es privat wird, kann dabei nicht helfen.

Das Buch enthält ein Kapitel mit Warnhinweisen, die auf ein missbräuchliches Beziehungsverhalten frühzeitig deuten können. Diese Erkennungsmerkmale beruhen auf ihren eigenen Erfahrungen und den Erfahrungen anderer Missbrauchsopfer. Medial interessieren sich immer mehr Menschen für sogenannte Red flags in Beziehungen. Ich finde es gut, sich darüber auszutauschen und besonders jungen Menschen eigene unliebsame Erfahrungen mit auf den Weg zu geben.

Antje Joel räumt außerdem mit den psychotherapeutschen Mythen auf, die Täter hätten ein geringes Selbstwertgefühl, wären psychisch krank oder hätten schlechte Beziehungserfahrungen hinter sich. Vielmehr ist es so, dass sie für das gewalttätige Verhalten gegenüber Frauen in unserer Gesellschaft kaum mit angemessenen Konsequenzen rechnen müssen. Die bittere Wahrheit ist, dass die Gesellschaft die Paarbeziehungen und Ehen zur Privatsache erklären, in die sich von außen niemand einmischen soll.

Damit Täter nicht weiterhin von ihrem Lebensentwurf profitieren, benötigt es Beziehungsaufklärung: Menschen, die beschreiben, was ihnen als Opfer angetan wurde, wie die Täter es immer wieder geschafft haben ihm die Schuld zu geben und sein Umfeld für sich zu gewinnen, es damit gegenüber allen anderen zu isolieren und zu entmächtigen. Die Wahl eines bestimmten Partners kann schlecht für einen sein. Deswegen ist jedoch niemand und schon gar nicht der eigene Partner dazu berechtigt mir seelische und körperliche Gewalt zuzufügen. Nicht nach 5 Minuten und auch nicht nach 25 Jahren.

Leser und Sammler

Mensch vs. Deutschland

Die Würde des Menschen ist abschiebbar. Einblicke in Geschichte, Bedingungen und Realitäten deutscher Abschiebehaft: Droste und Nitschke (2021):

Mein Resümee:

Das Buch erklärt gut wie Geflüchtete, bei denen der Verdacht besteht, dass sie sich einer Abschiebung entziehen würden, vom deutschen Staat wie Kriminelle behandelt werden. Abschiebehaft betrifft keine Einzelfälle, sondern folge einem gesellschaftlichen Systemfehler, einem institutionellen Rassismus. Folgendermaßen lautet die Hypothese:

Deutschland arbeite verstärkt an der Desintegration von Asylsuchenden anstatt die dafür verwendeten Ressourcen für eine erfolgreiche Integration einzusetzen.

Die Ursache des Problems sei hierbei ist nicht die Überarbeitung der Behörden, um Menschen noch schneller zum Ausreisen zu zwingen. Problematisch ist, dass zuallererst im vermeintlichen Sinne der Nation und erst an zweiter Stelle im Sinne der Menschenwürde Anweisungen ausgeführt werden. Der deutschen Bevölkerung werden bewusst Informationen zu Geflüchteten in Abschiebegefängnissen vorenthalten. Obwohl die überwiegende Mehrheit der Insassen außer eines illegalen Aufenthaltes in Deutschland keine Straftaten begangen hat, ist in den Medien nur die Rede von straffälligen Ausländern, die in Abschiebehaft zur Sicherheit der Bevölkerung weggesperrt werden müssen. Die Asylsuchenden werden räumlich weitestgehend von der deutschen Bevölkerung isoliert und die Besuchszeiten sehr kurz gehalten, damit ihnen so wenig wie möglich Beratung und Hilfe zugute kommen kann.

Der Abschiebehaftvollzug handelt generalpräventiv. Das bedeutet, dass Insassen schon bei Verdacht eines zukünftigen Fehlverhaltens sanktioniert und bestraft werden können. Folgende Maßnahmen eines solchen Gefängnisses wurden von Lina Droste dokumentiert. Sie schreibt:

„Weder

  • das Isolieren psychisch auffälliger Personen
  • die Be- (bzw. Ent-) kleidung im bgH (steht für: besonders gesicherter Haftraum) mit lediglich einer Unterhose oder nackt,
  • das zwanghafte Entkleiden durch weiblich-gelesenes Personal,
  • die generalpräventive Anwendung von Isolationshaft,
  • das Einsperren im bgH (steht für: besonders gesicherter Haftraum) ohne natürliches Licht,
  • das Fehlen ärztlicher und psychologischer Begleitung,
  • das Abnehmen gerichtlicher Dokumente,
  • der Schlafentzug durch Lebendüberwachung,
  • die Einsicht des Toilettenbereiches durch permanente Beobachtung oder Kameraeinstellungen,
  • die fehlende Anordnung durch eine Behörde, bzw. ein Gericht,
  • die zeitliche Sperrung, bis Rechtsanwält*innen oder Personen des Vertrauens Zugang zum*zur Gefangenen haben,
  • die Inhaftierung und Isolierung Minderjähriger,
  • die Fixierung ohne richterliche Überprüfung,
  • die Isolation als Mittel zur Mitwirkung bei Abschiebungen,
  • die systematische Anwendung von Isolationshaft beim Zugangsverfahren ohne individuelle Begründung,
  • das Fehlen der Eröffnung der Maßnahme,
  • keine oder fehlerhafte Dokumentation der Maßnahmen, noch
  • die persönlichen Machtspiele der Mitarbeiter*innen

sind in irgendeiner Weise verhältnismäßig im Sinne des ultima ratio-Gedankens der oben genannten Mindestgrundsätze der Vereinten Nationen für die Behandlung der Gefangenen und sind in vielen Aspekten als erniedrigend, unmenschlich und z.T. sogar als Folter im Sinne der Antifolterkonvention einzustufen.“ (s. Droste: S.227f)

Das Buch zeigt wie Deutschland seine institutionelle Macht und seinen Rechtsstaat dazu nutzt gerichtliche, bürokratische und letzten Endes auch psychische und körperliche Gewalt gegen Menschen auszuüben, die der Staat zu Menschen zweiter Klasse degradiert.

Deutschland 1st – Menschenwürde 2nd

Im Buch wird der Prozess in der Abschiebehaft mit Franz Kafkas Roman: „Der Prozess“ verglichen. Daraus lässt sich ableiten, dass strukturelle Gewalt wie eine zusätzliche bedrückende Last auf das Opfer wirkt. Alleine ist es unmöglich ihr zu entrinnen. Die Opfer werden müde, deprimiert, hoffnungslos und letzten Endes krank.

Das Buch ist empfehlenswert. Es ist wichtig belegt zu bekommen, dass auch in Deutschland die Menschenwürde verteidigt werden muss, damit es am Ende nicht 1 zu 0 für Deutschland steht.