Leser und Sammler

Prügel. Eine ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt. von Antje Joel (2020)

Heute. Morgen. Übermorgen.

Opfer von Gewalt werden mit folgendem Dilemma konfrontiert: entweder bist du nicht schuld, dann hattest du in dieser Situation aber auch keine Macht und empfindest ein Gefühl der Machtlosigkeit, oder du nimmst die Schuld einer Situation auf dich, denn dann warst du auch selbst verantwortlich, also auch handlungsfähig und daher mächtig.

Opfer von Gewalt sind weder schwach, noch sind sie durch die Gewalterfahrung stärker geworden. Opfer sein ist nicht die Identität eines Opfers, aber es beeinflusst ihre Beziehung zu sich selbst und zu anderen Menschen, Menschengruppen, oder Institutionen und allgemein der Gesellschaft. Diese Beeinflussung ist negativ, besonders das Vertrauen in unterschiedliche der genannten Beziehungen wird je nach der Art des Agressors und der Gewalterfahrung erschüttert. Ein Gefühl der Isolation, der Abschottung, Einsamkeit und des Alleinseins ist die Folge. Deswegen tut es gut sich zu solidarisieren mit Menschen, die Verständnis zeigen. Viele haben ähnliches erlebt, andere nicht. Nichtsdestotrotz zeigen einige Menschen ein Interesse am Schicksal anderer, da so ein gemeinsames Leben für alle besser ist.

„Dann gehe doch einfach, wenn er dir nicht gut tut.“

„Warum lässt du so etwas mit dir machen? Hast du denn kein Selbstwertgefühl?!“

So oder so ähnliche Sätze fallen, wenn ich Freundinnen und meiner Familie von meiner Ex-Beziehung erzählt habe. Es war gut gemeint, sie wollten mir helfen, indem sie mir vermitteln: du bist kein Opfer, du kannst dich wehren und dich selbst behaupten und bist gar nicht so schwach. Das war gut gemeint, aber stimmte nicht. Ich wurde zum Opfer in dieser toxischen Beziehung. Das heißt nicht, dass ich etwas falsch gemacht habe. Es heißt nur, dass ich nicht einfach selbstbestimmt und frei gehen kann wie es am besten für mich wäre. Daraus folgt, dass ich nicht schuld daran bin, in einer toxischen Beziehung zu leben. Der Täter und Beziehungspartner ist der Schuldige. ich gebe nicht gerne zu zu einem Opfer geworden zu sein. Es fällt leichter mir vorzumachen ich hätte genug Macht das eigene Leben selbst zu bestimmen.

Die Journalistin und Autorin Antje Joel schreibt in ihrem Buch „Prügel. EIne ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt.“ biographisch von den Gewalterfahrungen in ihrer ersten und ihrer zweiten Ehe. Ihre Geschichte ist leider kein Ausnahmefall. Die zugrundeliegende Statistik, dass jede dritte Frau Opfer von häuslicher Gewalt geworden ist, ist erschreckend und durch das allseitige öffentliche Schweigen schwer nachvollziehbar. Wegschauen sobald es privat wird, kann dabei nicht helfen.

Das Buch enthält ein Kapitel mit Warnhinweisen, die auf ein missbräuchliches Beziehungsverhalten frühzeitig deuten können. Diese Erkennungsmerkmale beruhen auf ihren eigenen Erfahrungen und den Erfahrungen anderer Missbrauchsopfer. Medial interessieren sich immer mehr Menschen für sogenannte Red flags in Beziehungen. Ich finde es gut, sich darüber auszutauschen und besonders jungen Menschen eigene unliebsame Erfahrungen mit auf den Weg zu geben.

Antje Joel räumt außerdem mit den psychotherapeutschen Mythen auf, die Täter hätten ein geringes Selbstwertgefühl, wären psychisch krank oder hätten schlechte Beziehungserfahrungen hinter sich. Vielmehr ist es so, dass sie für das gewalttätige Verhalten gegenüber Frauen in unserer Gesellschaft kaum mit angemessenen Konsequenzen rechnen müssen. Die bittere Wahrheit ist, dass die Gesellschaft die Paarbeziehungen und Ehen zur Privatsache erklären, in die sich von außen niemand einmischen soll.

Damit Täter nicht weiterhin von ihrem Lebensentwurf profitieren, benötigt es Beziehungsaufklärung: Menschen, die beschreiben, was ihnen als Opfer angetan wurde, wie die Täter es immer wieder geschafft haben ihm die Schuld zu geben und sein Umfeld für sich zu gewinnen, es damit gegenüber allen anderen zu isolieren und zu entmächtigen. Die Wahl eines bestimmten Partners kann schlecht für einen sein. Deswegen ist jedoch niemand und schon gar nicht der eigene Partner dazu berechtigt mir seelische und körperliche Gewalt zuzufügen. Nicht nach 5 Minuten und auch nicht nach 25 Jahren.